Der Junge am See

Gestern am See
Gestern am See

 

3:08 Uhr. Ich kann nicht schlafen.

Gestern war ich am See.

Es waren kaum Menschen da, da es regnete. Dank einer untergelegten Einkaufstüte konnte ich vom Regen geschützt auch auf einer der nassen Holzbänke am Seeufer sitzen und direkt auf’s Wasser schauen.

Ich könnte meine ganze Zeit am Wasser verbringen.

Wer will denn schon studieren, erwerbstätig sein, soziale Kontakte pflegen und ehrenamtlich im sozialen Bereich arbeiten, wenn er auch den ganzen Tag regungslos auf ruhige Wellen schauen kann?

Ok.

*Sarkasmusmodus aus

Naja, irgendwann hatte ich auch Gesellschaft:

Frau Taube
Frau Taube; war nicht sehr gesprächig, was mir aber wiederum recht war… #IntrovertLife 

So um 20 Uhr kam dann noch ein vielleicht 8-Jähriger Junge dazu, der mich fragte, wann der nächste Bus Richtung X käme. Ich sagte, dass er in etwa 18 Minuten da wäre und wollte wissen, ob er sich auskennen würde?

Der blonde Junge bejahte und ging weg.

Gestern am See
Gestern am See

Kam dann aber wieder und wollte nochmal die Zeit wissen.

Fragte, wo ich wohnen würde.

Erzählte, wo er wohnte.

Fragte, wieso ich meinen Schal auf meinem Kopf hätte.

Erkannte dann, dass meine Haare drunter nass waren.

Erzählte, dass seine auch nass wären.

Fragte nochmal nach der Uhrzeit.

Stellte fest, dass in meinem offenen Rucksack vier helle Brötchen in einer Plastiktüte waren.

Ob er eins wolle?

Er aß ein Brötchen.

Ob er eine Fahrkarte hätte?

Er verneinte; er würde einfach schwarz fahren. “Hoffentlich wird keiner kontrollieren!”, meinte er.

Er wollte wissen, warum ich das wissen will?

Kluger Junge.

Er fragte, welches Handy ich hätte?

Er erklärte, welches er hätte. Ein IPhone 11.

Ich steckte ihm einen fünf-Euro-Schein zu; er möge sich bitte eine Fahrkarte kaufen.

Er nahm das Geld wortlos, aber nicht undankbar und ging wieder weg.

Kam dann wieder und versuchte, mit den Jugendlichen, die zwischenzeitlich zur Haltestelle gekommen waren, ein Gespräch anzufangen, die ihn aber ignorierten.

Mir dämmert was.

Was macht ein gut gekleideter 8-jähriger Junge abends nach 21 Uhr hungrig, ohne Geld, Schirm und Fahrkarte in der Stadt und warum versucht er immer wieder, mit Fremden Gespräche anzufangen?

Und wieso hat er sein Handy, ein neues IPhone 11, nicht dabei? Will er nicht erreicht oder geortet werden können? Ist es ihm weggenommen worden?

Ein sehr gescheiter und eloquenter Junge.

Er war ein wenig hibbelig oder schmeckte ihm nur das Brötchen so gut?

Ob bei ihm alles ok sei, fragte ich?

Er bejahte.

Das ist aber genau das, was ein starkes, erstgeborenes Kind sagen würde, bei dem (daheim) nicht alles ok ist und das vielleicht in der Folge unbedingt mal raus musste nach einem Streit.

Raus aus dem Elternhaus, raus aus dem Dorf in die große Stadt und an den ruhigen See.

Im Bus fragte er noch, wo er jetzt die Fahrkarte kaufen könne, weil kein Automat verfügbar war.

Ich schickte ihn zum Fahrer.

Das Restgeld behielt er.

Bedeckte mit T-Shirt Mund und Nase.

Stieg an der Haltestelle in dem Dorf aus, von dem er mir vorher erzählt hatte und ging zielstrebig in eine Richtung.

Setzte sich dabei noch die Kapuze der Jacke auf.

3:53 Uhr.

Hätte ich nochmal nachhaken sollen? Hätte ich ihm mehr als 5 Euro geben sollen? Hätte ich ihm meine Handynummer geben sollen?

Jetzt hält mich nachts ernsthaft die Sorge um ein fremdes Kind wach. 🙄

Womöglich ist die Sorge total unbegründet.

Aber wer mal für einen Strafrechtler gearbeitet und über hunderte Gerichtsverfahren berichtet hat, der weiß, was in manchen Familien passieren kann. Und der weiß, wie gerade die starken, intelligenten Kinder reagieren.

Soll ich nachts um 4 Uhr jetzt noch die Polizei anrufen?

😶

Ich bilde mir das bestimmt nur ein.

Ich muss mal nach Wohnmöglichkeiten in “Einsiedler-Häusern” googlen. Vielleicht gibt’s welche am Wasser.

Da treffe ich jedenfalls nicht auf Menschen, um die ich mir Gedanken mache. Ich meine…

Wer will denn schon studieren, erwerbstätig sein, soziale Kontakte pflegen und ehrenamtlich im sozialen Bereich arbeiten, wenn er auch den ganzen Tag regungslos auf ruhige Wellen schauen kann?

2 thoughts on “Der Junge am See

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