Gedicht | Goethe: Römische Elegien, 5. Elegie

Statuen von Goethe und Schiller (rechts)
Statuen von Goethe und Schiller (rechts)

 

Von Johann Wolfgang von Goethe, 1749 – 1832.

Römische Elegien

5. Elegie

Froh empfind’ ich mich nun auf klassischem Boden begeistert,
Vor- und Mitwelt spricht lauter und reizender mir.

Ich befolg’ den Rat, durchblättre die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand, täglich mit neuem Genuß.

Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd’ ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt beglückt.

Und belehr’ ich mich nicht, wenn ich des lieblichen Busens
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab.

Dann versteh’ ich den Marmor erst recht: ich denk’ und vergleiche,
Sehe mit fühlendem Aug’, fühle mit sehender Hand.

Raubt die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages;
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.

Wird doch nicht immer geküßt, es wird vernünftig gesprochen,
Überfällt sie der Schlaf, lieg’ ich und denke mir viel.

Oftmals hab’ ich auch schon in ihren Armen gedichtet
Und des Hexameters Maß leise mit fingernder Hand,
Ihr auf den Rücken gezählt. Sie atmet in lieblichem Schlummer
Und es durchglühet ihr Hauch mir bis ins Tiefste die Brust.

Amor schüret die Lamp’ indes und denket der Zeiten,
Da er den nämlichen Dienst seinen Triumvirn getan.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.