Morgenseiten #1. Wiederaufnahmen

Morgentau
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Es ist 1:09 Uhr und ich kann nicht schlafen, obwohl ich in der Nacht zuvor auch kaum schlafen konnte.

Gestern hab ich wieder im Buch “Unschuldig hinter Gittern” von Rainer Himmelfreundpointner, ISBN 9 783902 404619, gelesen. Darin heißt es u. a., dass “noch so gut begründete” Wiederaufnahmeanträge in abgeschlossenen Strafverfahren nicht selten von den Behörden “abgeschmettert” würden.

Wiederaufnahmeanträge dienen der Überprüfung der Rechtmäßigkeit einer gerichtlichen Entscheidung, i. d. R. von Urteilen oder Einstellungen. Sie sind generell auch in Zivilverfahren möglich, aber das Buch behandelt nur Causae aus dem Strafrecht.

Auch heißt es in dem Buch weiter:

“… in Wahrheit dienen sie [die Ablehnungen von Wiederaufnahmen] in den meisten Fällen nur der Selbstverteidigung des jeweils herrschenden Justizsystems.”

Also sinngemäß sagt der Autor; einzelne faule Partitionen in unserem Justizsystem decken lieber ihre KollegInnen und maskieren Fehler, anstatt dem Recht bzw. der Gerechtigkeit Genüge zu tun und (fehlerhafte) Verfahren wieder aufzunehmen und neu zu verhandeln, etc. Das Recht wird somit mitunter den Unzulänglichkeiten und der Feigheit fachlich und persönlich inkompetenter Beamter gebeugt.

Konkret ist ab etwa Seite 50 der Wiederaufnahmeantrag in der Causa Mordfall Silke Schnabel abgedruckt, die 1992 als 17-Jährige nach einer brutalen Vergewaltigung tot in den österreichischen Fluss Salzach geworfen wurde. Dem Wiederaunfahmeantrag wurde hier jedoch nach mehreren Ablehnungen durch die Staatsanwaltschaften und das Oberlandesgericht nach 16 Jahren stattgegeben und das einst eingestellte Ermittlungsverfahren gegen den zur Tatzeit 35-jährigen, eingschlägig vorbestraften und mehrjährig inhaftierten Täter wieder eröffnet, bis er letztendilch tatsächlich 2011 für die Vergewaltigung und den Mord 1992 zu 19 Jahren Haft verurteilt wurde.

Auf Seite 61 des Buches erzählt eine Prostituierte, die drei Jahre vor dem gegenständlichen Mord an Silke Schnabel ebenfalls vom Täter gewürgt und geschlagen wurde, dass der Auslöser für diese Attacke wohl seine Potenzprobleme gewesen seien, die sie konkret angesprochen hätte:

“Ich habe ihn darauf angesprochen, dass bei ihm “nichts geht” …”

Auszug aus "Unschuldig hinter Gittern" von Rainer Himmelfreundpointner, ISBN 9 783902 404619
Auszug aus “Unschuldig hinter Gittern” von Rainer Himmelfreundpointner, ISBN 9 783902 404619

Diese verletzte Männlichkeit soll den Wutanfall bei dem Täter ausgelöst haben.

Ein Gedanke, der sich mir beim Lesen aufdrängte, ist, dass diese starken Emotionen bei Männern scheinbar vorhandene Potenzprobleme (temporär) beheben, die ja in der Regel primär mentale Ursachen haben und nicht physische.

Wenn das stimmt; wie armselig wäre das eigentlich, dass man(n) laut, wütend und gewalttätig werden muss, um seine Potenzprobleme (temporär) zu beheben? Und wir problematisch?

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