Ohne Wurzeln

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Bildschirmfoto: nightly checking on a brother…

Der Youtube-Algorithmus hatte mir dieses Jahr ein Musikvideo in die Timeline gespült, das zu einer Verfilmung einer Geschichte hinsichtlich einer Befreiung afrikanischer Sklaven gehört (Harriet – Der Weg in die Freiheit).

Das Video beinhaltet auch Filmsequenzen der Flucht, die ich sehr aufwühlend finde; die Geschichte um die Versklavung von afrikanischen Menschen auf amerikanischem Gebiet und die Grausamkeit der Menschen, die in schlechten Menschen zum Vorschein kommt, wenn sie Macht über andere haben. Die Tatsache, dass die Versklavung von Menschen legal gewesen ist und es sogar zum guten Ton gehörte, Sklaven zu haben, ist unfassbar grausam.

Sudetendeutsche

Meine Großeltern waren Sudetendeutsche, also auf dem damaligen Gebiet der Tschechoslowakei angesiedelte Deutschstämmige, die in und nach Kriegszeiten als Nazis gebrandmarkt, enteignet und “zurück” ins Deutsche Reich vertrieben wurden.

1938 hatte Hitler das “Münchener Abkommen” erlassen;  Das Abkommen bestimmte, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten und binnen zehn Tagen räumen musste. Hitler hatte auch vor, die gesamte Tschechoslowakei zu erobern und die haben natürlich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges nach der Besiegung des Deutschen Reiches gedacht; jetzt verbreib’ mer mal die ganzen Deutschstämmigen wieder…

Meine Eltern haben nie darüber geredet und Nachfragen kaum beantwortet, aber eine Zeit lang habe ich Tschechisch gelernt und stundenlang in (slawischen, etc.) Archiven und online recherchiert; diejenigen, die vertrieben wurden, hatten noch “Glück”; es gibt Aufzeichnungen, nach denen Vertriebene an den kilometerlangen Anreihungen der Gebeine ihrer ermordeten Geschwister, Nachbarn und Freunde entlanglaufen mussten und Menschen, die Tagebuch über den (sexuellen) Missbrauch führten, der ihnen angetan wurde. Ich habe mehrmals sinngemäß in verschiedenen Sprachen gelesen “zum Glück nicht schwanger geworden”.

Sudetendeutsche, die im Mai 1945 in Prag auf ihre Ausreise warten. Quelle: MDR/CTK Photobank/Süddeutsche Zeitung
Sudetendeutsche, die im Mai 1945 in Prag auf ihre Ausreise warten. Quelle: MDR/CTK Photobank/Süddeutsche Zeitung

Mehr zum Thema Sudetendeutsche hier: Doku über die Vertreibung der Sudetendeutschen

Tief Drin im Böhmerwald

Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit mit musiktherapeutischen Inhalten in einer Seniorenresidenz namens “Pflegehäusl” in Plattling hatte ich mit den Herrschaften auch unter anderem das Lied “Tief Drin im Böhmerwald” gesungen und uns am Klavier begleitet.

Ich glaub, das war der größte Hit 🙂

Musik, die bis zum 25. Lebensjahr erfahren und gemocht wird, prägt Menschen derart, dass sie sie ob ihrer altersbedingten Degeneration aber oft noch abrufen, auswendig singen und erkennen können. Eigentlich alle hatten Volks-, Kinder- und Heimatlieder, die sie auswendig mitsingen konnten, obwohl sie aber nicht einmal mehr wussten, wohin es nach der Singstunde zum Mittagessen geht.

Einer der Senioren, Herr Maier*, war selbst Sudetendeutscher, also jemand, der zu Kriegszeiten enteignet und aus Böhmen vertrieben wurde und der fing einmal sogar zu weinen an und sagte, dass ihnen damals “alles weggenommen” wurde; das war eine Referenz auf die mit der Vertreibung einhergehende Enteignung; die Sudetendeutschen konnten wenn überhaupt nur das mitnehmen, was sie tragen konnten.

Wenn ein erwachsener, im Rollstuhl sitzender Mann, bricht eine ganze Welt zusammen.

Generationsübergreifendes Trauma

Ich frage mich, wie es Herrn Maier* heute geht.

Aus der Psychologie weiß man, dass viele Vertriebene und Flüchtlinge ein Trauma erleben, das sie an die nachfolgenden Generationen weitergeben, auch genetisch. Ich glaube, es gibt auch bei mir eine Prägung dafür, dass ich ob der über 30 Jahre, die ich jetzt alt bin, immer noch nicht wirklich irgendwo Wurzeln geschlagen habe, sondern sogar meinen Besitz im Wesentlichen auf zwei Taschen reduziert hatte und nicht selten international und interkontinental reise. Zum Glück kann ich mein Bachelorstudium online absolvieren, habe genug Bildung und einen tollen, modernen Arbeitgeber. Und auch wenn ich den nicht hätte, könnte ich von jedem Punkt der Erde aus Einkommen generieren, solange ich einen Laptop und Internet habe…

Das besagte Werk “Stand Up” von Cynthia Erivo spiegelt m. E. sehr gut die Emotionen wieder, die mit Gefangenschaft, Flucht und Entwurzelung einher gehen.

Verbindung

Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Arbeit habe ich auch mit AsylbewerberInnen zu tun gehabt. Alle Klienten bekommen immer meine Handynummer, unter der ich immer erreichbar für sie bin, auch weiterhin, nachdem das Mandat bzw. mein Einsatz in einer Einrichtung beendet ist und das völlig bedingungslos. Mit manchen habe ich seit fast zehn Jahren Kontakt und ich glaube der Grund dafür, dass mit manchen sofort eine Verbindung da gewesen ist, ist diese Flucht- und Vertreibung in der Vergangenheit.

Es gibt sonst nichts. Kein romantisches Interesse, kein gemeinsamer Freundeskreis, keine gemeinsame Religion, …

Mit diesen Menschen habe ich derartig Kontakt, dass wir – ohne, dass wir das groß besprochen haben – jederzeit einander als Gäste aufnehmen würden. Wir geben / senden uns allfällig Geld mit dem Verwendungszweck “credit”, damit es einkommensneutral für allfällige Sozialleistungen ist und nicht als Einkommen angerechnet werden kann. Alles aber ohne, dass wir eine Rückzahlung zu einem bestimmten Termin vereinbaren oder irgendetwas erwarten würden.

Da ist so viel Vertrauen und Verständnis da; das habe ich nicht einmal mit meinen FreundInnen, die ich noch länger kenne oder mit Äbtissinnen und Ordensschwestern, mit denen ich gelebt und zu denen ich teilweise ein sehr intensives Verhältnis habe.

John

So auch John*, dem ich während des Schreibens dieses Artikels gleich einmal eine Nachricht senden musste.

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Bildschirmfoto: nightly checking on a brother…

Obwohl es nach Mitternacht ist, hat er sie natürlich so ziemlich gleich gelesen und geantwortet. Er ist immer wach(sam), was man immer ist, wenn man (noch) keine Wurzeln oder keine Wurzeln mehr hat…

Gleich mal wieder “credit” gesendet und nachgefragt, was gerade ist…

credit
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Wenn ich jetzt nicht aufhöre zu schreiben, wird dieser Blogartikel 1938 Seiten lang…

*Name geändert

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